Du bist doch verrückt! Wie kannst du das wichtige, spannende und gutorganisierte Deutschland verlassen und dich dafür mit den EU-Bürokraten in Brüssel herumschlagen?

So äußerte sich ein guter Freund, der meine Schwäche, zur Einigung Europas beitragen zu wollen, nie ganz verstanden hat.

Nach 14 Monaten in Berlin gehe ich diese Woche nach Brüssel, um dort am kommenden Montag die Arbeit als Schwedens EU-Botschafter aufzunehmen. Es fühlt sich in vielerlei Hinsicht so an, als ob sich der Kreis schließt, wenn ich meinen vermutlich letzten Auftrag eines langen Berufslebens antrete. Ich werde Berlin vermissen, aber den Wechsel nach Brüssel nicht bereuen.

Deutschland ist im Moment zweifelsohne das wichtigste Land in Europa. Wirtschaftlich war das schon lange der Fall, aber in den letzten Jahren hat Deutschland auch in der politischen Arena einen Schritt nach vorn gemacht. Angela Merkel wird fast immer als die mächtigste Frau der Welt bezeichnet. Während sich Länder wie Frankreich und Großbritannien aus verschiedenen Gründen ein Stück weit zurückzogen, stand Deutschland in Europa am deutlichsten für Stabilität und Hoffnung.

Aber während meiner vielleicht allzu kurzen Zeit in Berlin hat selbst Deutschland einige Erschütterungen erlebt. Der Flüchtlingszustrom im letzten Jahr hat das Land einer harten Prüfung unterzogen. Einer Prüfung, die man im Großen und Ganzen gut gemeistert hat, auch wenn es noch einiges zu tun gibt. Für Europa und Schweden ist es wichtig, dass Deutschland nicht nur Wachstum fördert, sondern auch eine konstruktive Rolle in der Politik einnimmt.

Aber Deutschland soll Europa auch nicht allein führen. Die Ersten, die dem zustimmen, sind die Deutschen selbst. Der Fortbestand von Frieden und Wohlstand in Europa erfordert eine gegenseitige Zusammenarbeit, bei der alle Länder zählen und berücksichtig werden.

Voller Erwartungen freue ich mich jetzt auf meine Jahre in Brüssel, um dort meinen kleinen Beitrag zur Verwirklichung dieses Prinzips zu leisten. Die EU hat gewiss schon bessere Zeiten gesehen. Das in meinen Augen größte Problem ist eine fehlende gemeinsame Auffassung von den Werten, die eine gute und humane Gesellschaft ausmachen, und genau das erleben wir gerade.

Ich kann die ungarische Regierung mit Sicherheit nicht dazu bringen zu verstehen, dass Asylsuchende keine Gefahr für eine Gesellschaft darstellen oder die britische Regierung zu der Einsicht, dass ihre Bevölkerung vermutlich einen fatalen Fehler begangen hat, als sie sich für einen Austritt aus der Europäischen Union entschied. Die Verhandlungen darüber werden meinen Alltag sicher für geraume Zeit ausfüllen.

Aber ich weiß, und die meisten anderen auch, dass die großen gesellschaftlichen Herausforderungen heute nur gemeinschaftlich gelöst werden können. Viele verlangen nach globalen Vereinbarungen, andere nach regionalen, immer weniger kann ein Nationalstaat allein bewältigen.

Die Zukunft gehört also der Europäischen Union und Mitgliedstaaten wie Schweden, die wissen, dass Frieden und Wohlstand niemals auf Kosten anderer, sondern nur gemeinsam erreicht werden kann.

Brüssel, ich komme!