Wahrscheinlich haben wir alle etwas unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Land zu einem Land macht, in dem man gut leben kann. Für die Meisten ist ein gutes Land wohl ein Platz, wo man sicher und geborgen leben kann, wo wir uns als Menschen entwickeln und uns ein wenig Wohlstand aufbauen können. Einige verbinden mit einem „guten Land“ sehr grundlegende Bedürfnisse – für sie ist es ein Land, in dem man nachts ruhig schlafen kann, weil kein Krieg herrscht. Für andere umfasst der Begriff auch oberflächlichere Dinge – ein gutes Land gewinnt die Fußball-EM oder holt viele Medaillen bei den Olympischen Spielen.

Ist es wichtig zu definieren, was ein gutes Land ist? Ja, ich denke schon. Denn ein Teil der öffentlichen Debatte, die heute stattfindet, dreht sich um die Frage „Was ist schwedisch?“ oder „Was ist deutsch?”. Diejenigen, die diese Debatte führen, sind der Meinung, es gäbe etwas spezifisch Schwedisches – oder Deutsches –, das gut ist und verteidigt werden muss. Und natürlich gibt es einiges in unserem Gesellschaftsmodell, auf das wir zu Recht stolz sein können.

Doch in diesen Tagen erstarken in vielen Ländern Europas Kräfte, die für sich die Definitionshoheit darüber beanspruchen, was schwedisch oder was deutsch ist. Diesen Kräften ist gemeinsam, dass ihre Definition nationaler Charakterzüge oft auf stereotypen Vorstellungen mit unklarem historischem Ursprung basiert. Was man als fremd betrachtet, soll ausgeschlossen werden. Die natürliche Angst der Menschen vor schnellen Veränderungen soll durch Mauern und den Rückzug in vergangene Zeiten bewältigt werden.

Wenn diese Art zu denken dann mit gesundem Menschenverstand kollidiert, nimmt das – so furchtbar es auch sein mag – manchmal groteske Züge an. Folgende Aussage haben Sie vor einigen Wochen sicherlich zur Kenntnis genommen: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“.

Dieser vergebliche Versuch, das Bewusstsein um die Popularität der deutschen Fußballnationalmannschaft mit dem eigenen, tiefbraunen Gedankengut darüber zu kombinieren, was als deutsch gelten soll, bedarf eigentlich keines weiteren Kommentars.

Ähnliche Beispiele könnte ich leider auch aus Schweden nennen, wenngleich es nicht einmal die fremdenfeindlichen Kräfte in unserem Land wagen würden, Zlatan Ibrahimovic anzugreifen.

Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels, in der es teilweise um Geschichtsschreibung geht, darum, was schwedisch oder was deutsch ist. Am schwedischen Nationalfeiertag, dem 6. Juni,  haben wir beispielsweise allen Grund, uns all das, was für die schwedische Gesellschaft gut und wichtig ist, ins Gedächtnis zu rufen und zu würdigen, uns darüber zu freuen, wie schön die schwedische Natur zu dieser Jahreszeit ist, darüber nachzudenken, wie es unserem Land möglich war, sich im Laufe von 100 Jahren von einem der ärmsten Länder Europas zu einem der Länder mit dem höchsten Wohlstand zu entwickeln.

Wir können uns darüber freuen, dass Schweden – genau wie Deutschland – in vielen Rankings unter den Besten zu finden ist: Wettbewerbsfähigkeit, Innovationen, Gleichberechtigung etc.

Vor Kurzem wurde jedoch ein neues Ranking veröffentlicht, das versucht hat, Länder auf eine etwas andere Art zu vergleichen. Diesmal geht es nicht so sehr darum, was Länder innerhalb ihrer eigenen Grenzen leisten, sondern eher darum, inwiefern diese Länder „gute Weltbürger“ sind. Die Liste heißt „Good Country Index“.

Der Gedanke hinter diesem Index ist recht einfach. Viele der Probleme und Herausforderungen unserer Gesellschaft sind so geartet, dass sie nicht auf nationaler Ebene angegangen werden können. Ihre Lösung erfordert regionale und globale Zusammenarbeit. Anstatt die Leistung von Ländern in Form des Bruttoinlandsprodukts zu messen oder daran, wie einfach eine Unternehmensgründung ist, sollten wir darauf schauen, wie gut Länder mit anderen in Bereichen wie Forschung, Kultur, Frieden und Sicherheit, Klima und Umwelt, Gesundheit und Wohlstand zusammenarbeiten.

Deutschland kommt auf einen ehrenwerten fünften Platz. Alle nordischen Länder liegen weit vorn, mit Schweden auf dem ersten und Dänemark auf dem zweiten Platz. Unsere Toppplatzierung haben wir trotz relativ umfassender Waffenexporte erreicht, die die Bewertung etwas geschmälert haben.
Ich finde es wichtig zu verstehen, was genau in unserer Gesellschaft bedingt, dass wir als das „beste Land“ betrachtet werden. Folgende Dinge möchte ich hervorheben:

Unsere Offenheit. Wir haben keine Angst vor der Welt. Wir wissen, dass man auf lange Sicht die Grenzen nicht schließen kann – weder für Menschen noch für Waren, Dienstleistungen oder Kapital. Wir können uns nur in Offenheit entwickeln. Und Offenheit muss auch für die gelten, die damit betraut werden, unser Land zu regieren. Nur durch öffentliche Kontrolle und Rechenschaftspflicht können wir die Gesellschaft so formen, wie wir sie haben wollen.

Unsere Zuversicht. In keinem anderen europäischen Land bringen die Menschen anderen Menschen, die nicht ihrer Familie angehören, so viel Vertrauen entgegen wie in Schweden. Vertrauen und Zuversicht sind Grundlagen unserer Gesellschaft und tragen dazu bei, auch mit Misserfolgen gut fertig zu werden.

Unsere Bildung. Die schwedische Bevölkerung verfügt über eines der höchsten Ausbildungsniveaus weltweit. Die Menschen verfügen über Wissen, sie verfolgen das Weltgeschehen, sie möchten Einfluss nehmen. Nur durch bessere Bildung können wir die Angst besiegen, die viele Menschen heute vor der Zukunft haben.

Unsere gleichberechtigte Gesellschaft. Natürlich soll es in einer Gesellschaft Unterschiede geben. Schließlich sind wir alle auf vielerlei Weise verschieden. Aber das Grundprinzip in Schweden ist und bleibt, dass alle das gleiche Recht und die gleichen Chancen haben, ihre Träume zu verwirklichen, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft.

Natürlich schmecken Erdbeeren und Fleischbällchen in Schweden besser als irgendwo anders auf der Welt, doch das, was ich an Tagen wie dem 6. Juni, an dem Gustav Vasa vor bald 500 Jahren zum König gewählt wurde, feiern möchte, sind nicht irgendwelche schwedischen Spezialitäten, sondern Offenheit, Zuversicht, Bildung und Gleichberechtigung.

Das Schöne an diesen Grundwerten in unserer Gesellschaft ist, dass sie universell sind – oder es zumindest sein sollten. Sie können nicht nur in Deutschland oder Schweden für eine gute Gesellschaft stehen, sondern auch in Uganda oder Vietnam.

Unsere Welt besteht heute aus etwa zweihundert Nationalstaaten. Fast alle diese Länder wollen genau wie wir einmal im Jahr ihre Nation, ihre Herkunft, ihre Heimat feiern. Das ist ganz natürlich.

Aber das für mich Wichtigste ist, dass wir auch darüber nachdenken, was unsere Länder eigentlich zu einem guten Ort zum Leben und zu guten Partnern in der europäischen und globalen Zusammenarbeit gemacht hat.

Denn genau das macht unsere Länder so bemerkenswert!