Es scheint, als erlebe Deutschland gerade eine Debatte darüber, Russland zu verstehen. „Russlandversteher“ ist ein Etikett, das ich immer öfter sehe und höre. Wie alle Etikette hat auch dieses einen Unterton, und der ist kritisch. Aber was ist denn eigentlich falsch daran zu versuchen, Russland zu verstehen, fragen sich diejenigen, die das gern wollen.

Ja, das kann man sich natürlich fragen. Selbst habe ich mich einen großen Teil meines Lebens, auch vor meiner Zeit als Diplomat, mit dem Versuch beschäftigt, Russland zu verstehen. Als Vertreter meines Landes muss ich bestrebt sein zu verstehen, wie man in anderen Ländern denkt und argumentiert. Nicht da liegt das Problem.

Aber Verständnis kann auch zu weit gehen oder zu groß werden. Es darf nicht dazu führen, dass eigene Werte oder Standpunkte an Deutlichkeit verlieren. Es geht nicht an, die russische Aggression auf der Krim mit den Worten zu beschreiben, dass  „…Putin auf der Krim eine Grenze verschoben hat, und zwar im Dissens mit der Regierung der Ukraine“ (Meinungsartikel letzte Woche in Der Spiegel).

Es ist auch nicht akzeptabel, Völkerrecht zu relativieren. In der Debatte heißt es manchmal, es sei nicht möglich, die Welt einzuteilen in die, die das Völkerrecht respektieren und die, die das nicht tun. Aber man darf anderen keinen Sand in die Augen streuen oder sich unklar ausdrücken. Recht geht vor Macht.

Der schwedische Außenminister sagte diese Woche in Wien, die heutigen Grenzen seien das Ergebnis einer oftmals komplizierten und tragischen Geschichte. Aber wenn man Grenzen mit Gewalt ändere, stelle man diese Geschichte in Frage. Was „hier“ passieren könne, könne auch „dort“ oder „überall“ passieren. Und wir liefen dadurch Gefahr, in einem „ganz anderen und sogar gefährlichen Europa“ zu landen.